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Ein Schockraum fürs Leben

Als Traumazentrum bekommt es das Josephs-Hospital immer häufiger mit Schwerverletzten zu tun. Ärzte und Pflegekräfte überlassen dabei nichts dem Zufall.

Nasse Straßen, einsetzender Starkregen – typisches Unfallwetter. In der Rettungsleitstelle im Kreishaus Warendorf geht um 12:28 Uhr ein Notruf ein. Ein Autofahrer ist mit seinem Golf von der Straße abgekommen und gegen einen Baum gekracht.* Ab hier setzt ein festgelegter Notfallprozess ein, der eine automatisierte Kettenreaktion auslöst – von der Erstversorgung durch die Rettungskräfte am Einsatzort über die Notbehandlung im Schockraum des Krankenhauses bis zur Übergabe des Verletzten an die Intensivstation. Das Josephs-Hospital hat sich als Traumazentrum auf die Aufnahme von schwerverletzten Notfallpatienten spezialisiert.

*Die in diesem Text ausgeführten Szenarien sind Teil einer simulierten Übung, die genannten Protagonisten sind real.

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Bilder 1+2: Wenige Minuten nachdem der Notruf eingegangen ist, wird ein verletzter Autofahrer von Rettungskräften des DRK Warendorf erstversorgt und anschließend in die Zentrale Notaufnahme des Josephs-Hospital transportiert. 
Bilder 3+4: Dr. Tim Kleffner, Chefarzt der ZNA, löst den Schockraumalarm aus und sammelt für das Team Patienteninformationen zusammen. 
Bilder 5–7: Nach der Übergabe durch das DRK beginnt im Schockraum die Erstuntersuchung. 
Bilder 8+9: Der Zustand des Patienten ist stabil, er wird ins MSCT gebracht. 
Bild 10: Zur weiteren Behandlung kommt der Patient auf die Intensivstation. 
Bild 11: Henning Schulte spielte für die Übung das „Unfallopfer”. 
Bild 12: Regelmäßige Fallbesprechungen zeichnen ein zertifiziertes Traumazentrum aus. 

„Guten Tag, können Sie mich verstehen?“

Lars Boß, Notfallsanitäter beim DRK Warendorf, kniet nur wenige Minuten nach Eingang des Notrufs vor dem noch im Autositz angeschnallten Unfallopfer, spricht mit ihm und kontrolliert dabei seine Vitalfunktionen – während seine Kollegin, Rettungssanitäterin Svenja Krechtmann, den Kopf des Schwerletzten mit einer Zervikalstütze stabilisiert. „Henning Schulte“, der Patient nennt seinen Namen und ist ansprechbar, klagt aber über Atemnot und starke Schmerzen im Beckenbereich. An seiner Schläfe klafft eine blutende Wunde. Die Rettungskräfte immobilisieren den 19-Jährigen und legen ihn auf die Trage. Lars Boß schätzt die Situation des Patienten ein, er entscheidet über den nächsten Halt: Josephs-Hospital, das Unfallopfer ist ein Fall für den Schockraum. Während der Fahrt geben die Rettungskräfte alle relevanten Daten an die Leitstelle weiter, die daraufhin das Krankenhaus informiert.

Die Alarmkette nimmt ihren Lauf

„Noch bevor der Patient bei uns eintrifft, versuchen wir so viele Informationen über den Fall einzuholen, wie es geht – um so gut wie möglich darauf vorbereitet zu sein“, erklärt Dr. Tim Kleffner, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme (ZNA) im Josephs-Hospital. Er hat bereits den Schockraumalarm ausgelöst. „Der Schockraum ist Schnittstelle zwischen Notarztwagen und Krankenhaus, hier werden im Notfall alle notwendigen Ressourcen unseres Krankenhauses zusammengezogen“, so Dr. Kleffner weiter. Wenige Minuten später trifft ein interdisziplinäres Team zusammen: Die Anästhesie ist mit einer Pflegekraft und einem Facharzt vertreten, von der Unfallchirurgie sind ebenfalls ein Assistenz- und ein Oberarzt vor Ort, zwei Pflegekräfte der Zentralen Notaufnahme bereiten den Schockraum vor und eine radiologisch-technische Assistentin kommt für eventuell notwendige Röntgenaufnahmen hinzu. Ein Oberarzt der Allgemeinchirurgie ist informiert und auf Abruf eingriffsbereit. „Viele gute Teammitglieder machen aber noch kein gutes Team. Wir kommunizieren viel miteinander, zudem wird vor dem Einsatz definiert, wer als Teamleader das koordinierte Vorgehen vorgibt und die Prioritäten bei der Versorgung setzt“, sagt Dr. Kleffner. Bei der Bestimmung entscheidet die Erfahrung darüber, wer die Rolle des Schockraumleiters übernimmt – in diesem Fall ist es der ZNA-Chefarzt selber.

Ein lebensrettender Boxenstopp

35 Minuten ist es her, seitdem der Notruf in der Leitstelle eingegangen ist. Der Rettungswagen erreicht die ZNA. Alles im Rahmen der „Golden Hour“: Unfallretter sprechen davon, wenn Notfallpatienten spätestens eine Stunde nach dem Unfall in der Klinik eingeliefert werden. Dauert es länger, steigt die Gefahr, dass sich der Zustand rapide verschlechtert. Das Josephs-Team steht bereit, relevante Informationen sind auf einem Whiteboard für alle gut sichtbar eingetragen. Bei der Patientenübergabe tauschen sich Ärzte- und Rettungsteam noch einmal aus. Alter, Verletzungsmuster, Zustand, bislang getroffene Maßnahmen, Art des Unfalls. Nachdem die Ausgangswerte auf dem Whiteboard notiert sind, beginnt die Erstuntersuchung, die einem festen Schockraum-Algorithmus folgt: Das Team fahndet nach lebensgefährlichen Zustandsstörungen, um diese sofort anzugehen. Es sichert die Atemwege des Unfallopfers, kontrolliert seine Lunge auf Verletzungen, stoppt Blutungen, führt neurologische Untersuchungen durch und überprüft zum Schluss alle übrigen Körperstellen auf Verletzungen. Dafür kommt auch ein Ultraschall zum Einsatz. Jeder Handgriff sitzt. Um wertvolle Zeit zu sparen, führen Teammitglieder die Aufgaben parallel durch. „Das ist dann ähnlich wie bei einem Boxenstopp bei der Formel 1“, erklärt Dr. Kleffner. Kommunikation sei dabei enorm wichtig: „Regelmäßige Team-Time-outs helfen, die Situation zu bewerten, alle Teammitglieder auf den gleichen Wissensstand zu bringen und die Prioritäten der weiteren therapeutischen Schritte adäquat zu setzen.“

20 Minuten später ist die Erstuntersuchung, im Fachjargon auch als Primary Survey bezeichnet, beendet. Die erste Diagnose: Der verunglückte Autofahrer Henning Schulte hat sich mehrere Rippen gebrochen und eine Beckenfraktur zugezogen, sein Zustand wird aber als stabil eingestuft. Chefarzt Kleffner fragt noch einmal laut bei allen Beteiligten den aktuellen Stand ab, gemeinsam wird festgelegt, dass akut im Schockraum keine weiteren Maßnahmen mehr nötig sind. Der Patient kommt in das MSCT, wo eine Ganzkörper-Computertomographie durchgeführt wird. Von dort geht es weiter auf die Intensivstation – in Lebensgefahr befindet sich Henning Schulte nicht mehr. 

In einem realen Fall würden jetzt auf den 19-Jährigen einige Operationen und eine stationäre Behandlung zukommen. Nach einem erfolgreichen Behandlungsverlauf und Rehamaßnahmen würde er wahrscheinlich wieder vollkommen gesunden. Sein Golf bliebe allerdings ein Totalschaden.

Zertifiziertes Traumazentrum Josephs-Hospital

Nachdem Schwerverletzte am Unfallort zeitnah versorgt wurden, müssen Notarzt und Rettungskräfte entscheiden, in welchem Krankenhaus der Patient am besten und schnellsten weiterbehandelt werden kann – im Kreis Warendorf ist der Weg ins Josephs-Hospital eine häufig getroffene Wahl. 

„Als Traumazentrum besitzen wir einen guten Ruf, das Vertrauen bei den Rettungsdiensten ist gewachsen. Was sich auch an den stetig steigenden Patientenzahlen ablesen lassen kann“,

unterstreicht Dr. Timm Schlummer, Chefarzt der Orthopädie und Unfallchirurgie, die Entwicklung. So wird die ZNA im Josephs-Hospital nicht zuletzt aufgrund der Weiterentwicklung und der intensivierten Zusammenarbeit mit den Rettungsdiensten in den letzten Jahren zunehmend häufiger angesteuert.    

Was steckt hinter einem Traumazentrum?
Die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) hat im Jahr 2006 ein bundesweites Netzwerk von Traumazentren eingeführt, die regional als Traumanetzwerke organisiert sind. Das Josephs-Hospital gehört seit 2010 als Traumazentrum zum Traumanetzwerk Nordwest. „Lage und Ausstattung unseres Schockraums werden den besonderen Anforderungen gerecht, zudem steht jederzeit ein entsprechendes Ärzte- und Pflegeteam verschiedener Fachabteilungen bereit, um eine erste zügige Einschätzung des Schweregrades der Verletzung des Patienten zu gewährleisten. Dies ist besonders wichtig, da oftmals in den ersten Stunden nach einem Unfallereignis die Weichen für den weiteren Behandlungserfolg gestellt werden“, erklärt Dr. Schlummer. Um als Traumazentrum zertifiziert zu sein, reicht ein entsprechend ausgestatteter Schockraum allerdings nicht aus. „Wir haben mit allen beteiligten Fachbereichen Funktionsabläufe definiert, führen regelmäßige Traumaschulungen, Trainings und Fallbesprechungen durch, haben die Zusammenarbeit mit den Rettungsdiensten intensiviert sowie interdisziplinäre Qualitätszirkel etabliert“, so Dr. Schlummer weiter. Zudem beteilige man sich seit Anfang 2016 am Traumaregister der DGU, einer zentralen Datenbank, in die Kliniken pseudonymisierte Behandlungsdaten von Schwerverletzten eingeben. Alles qualitätssteigernde Maßnahmen, die am Ende den unfallverletzten Patienten in der Region zugutekommen.  

Warum „Schockraum“?

Schwerverletzte Patienten weisen bei ihrer Aufnahme in einer Zentralen Notaufnahme eine kritische Kreislaufsituation auf – ein lebensbedrohliches Zustandsbild, das in der Medizin als Schock bezeichnet wird. Etwa 30.000 Schwerverletzte werden nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie pro Jahr in die Schockräume deutscher Krankenhäuser eingeliefert.

Ausbildung zum Notfallsanitäter

Der DRK-Ortsverein Warendorf bietet Ausbildungsplätze für die Ausbildung zum Notfallsanitäter an. Weitere Infos dazu und zum Engagement des DRK gibt es unter: www.drk-warendorf.de

Bewerbung per E-Mail an 
bewerbung@drk-waf.de 
senden.


Ausgabe Nr. 2 | 2017